
Strukturierte KI-Revolution in der Rechtsberatung
Wien, 30. Dezember 2025
Strukturierte KI-Revolution in der Rechtsberatung
KI verändert die juristische Praxis nachhaltig. Im Interview erklärt MMag. Dr. Stefan Eder, warum strukturierte Wissensmodelle für den Rechtsbereich entscheidend sind und wie die Kooperation von Benn-Ibler Rechtsanwälte GmbH und Cybly GmbH Legal AI praxistauglich macht.
Was macht die Partnerschaft Benn-Ibler und Cybly aus?
Die Zusammenarbeit von Jurist:innen auf der einen und Informatikerinnen und Informatikern auf der anderen Seite ist die ideale Symbiose, um rechtliche KI professionell in der Praxis umzusetzen.
Was ist die technologische Grundlage des Cybly Legal-AI-Ansatzes?
„Im Kern liegt unser mehrschichtiger und multi-jurisdiktionaler Legal Knowledge Graph die LawThek. Er erfasst strukturierte juristische Informationen und verknüpft diese. In der LawThek kann der Rechtsbestand verschiedener Rechtsordnungen in der jeweiligen Landessprache abgebildet werden; und es können private Räume für Nutzer:innen eingerichtet werden. So hat man Zugriff auf beide Bereiche als Grundlage für KI-Anwendungen“_, so MMag. Dr. Stefan Eder, Gründungspartner bei Benn-Ibler.
Generative KI (GenAI) allein ist der falsche Ansatz für Rechtsberatung, sagen Sie. Warum?
GenAI baut auf statistischen Modellen auf, während das Recht deterministisch ist. Sprachmodelle “by Design” fehlerhaft. Eine Verknüpfung verschiedener IT-Technologien – wie wir das bei Cybly aufbauend auf dem Knowledge Graph als Wissensbasis machen, ist sinnvoller. Wir nutzen Sprachmodelle primär zur Interaktion. Sie ermöglichen natürlichsprachliche Abfragen, wobei die Antworten transparent sein müssen und strengt im Knowledge Graph geerdet werden.
Wie wird sichergestellt, dass alle Daten im Prozess geschützt sind?
Die Plattform wird auf eigenen Servern verwaltet und in hochsicheren Rechenzentren in Österreich betrieben. Kund:innendaten werden niemals für Trainingsprozesse verwendet. Kund:innen haben ihren eigenen Wissensbereich, der abgegrenzt und nicht einsehbar ist.
Was ist die Legal Workstation?
Sie ist die Abbildung verschiedener rechtlicher Arbeitsabläufe zu deren Automatisierung. Die erfassten Daten werden mit tagesaktuellen Rechtsnomen verknüpft und Routineaufgaben automatisiert abgewickelt, etwas Compliance, HR-Prozesse oder Inkasso.
Worum geht es bei KI im Bereich Forensik?
Wir werden unstrukturierte Datenbestände aus und strukturieren sie. Dies ermöglicht die Rekonstruktion von Sachverhalten und Identifikation von Mustern. Wir arbeiten einzelfallbezogen mit Strafbehörden, Gutachter:innen, Unternehmen und Anwält:innen. So werden z.B. Unterlagen und Akten in kurzer Zeit leichter lesbar.
Welche Rolle spielt Forschung in Ihrer Strategie?
Cybly ist seit der Gründung aktiv in viele (inter)nationale Forschungsprojekte als Partner eingebunden. Aktuell in ein Forschungsprojekt, bei dem es um automatisierte Aufbereitung komplexer Akt-Daten im straf- bzw. insolvenzrechtlichen Bereich geht. In einem neuen internationalen Projekt, das gerade in der Genehmigungsphase ist, wird es um automatisierte internationale Compliance gehen. Dies dient der kontinuierlichen Weiterentwicklung unserer Plattform aufbauend auf neuesten Technologien, und so der Optimierung von Prozessen, die dann auch Kund:innen verfügbar sind.
Wie stellen Sie gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sicher?
Wir fördern interdisziplinäre Zusammenarbeit über die Plattform “Research Meets Practice” und veranstalten den “Law As Code”-Hackathon. Zudem erhalten Jura-Student:innen kostenfreien Zugang zur LawThek-Plattform, um Erfahrung mit Legal AI zu sammeln.
Welche Fähigkeiten müssen Jurist:innen für die Arbeit mit Legal AI entwickeln?
Entscheidend ist, dass sie Verständnis für KI-Umgebung entwickeln, um Werkzeuge verantwortungsvoll, transparent und kritisch anzuwenden. Der Umstieg ist nicht einfach, aber auch nicht vermeidbar. Wir bieten daher auch Beratung und Schulungen dazu an.
Bild von Mediaplanet bereitgestellt
Hintergrundinformation
Benn-Ibler Rechtsanwälte GmbH wurde im März 2010 von wirtschaftsrechtlich ausgewiesenen Expert:innen an den Standorten Wien und Salzburg gegründet.
Inhaltlich liegt der Schwerpunkt der Kanzlei in zentralen Zukunfts- und Kernbereichen des Wirtschaftsrechts – darunter Insolvenz und Restrukturierung, KI und Digitalisierung, Gesundheitswesen, Liegenschaften, öffentliches Wirtschaftsrecht sowie gerichtliche und außergerichtliche Streitbeilegung.
Stefan Eder ist Rechtsanwalt und Partner der Wirtschaftskanzlei Benn-Ibler Rechtsanwälte GmbH.
Seine Tätigkeitsschwerpunkte liegen im IT-Recht, Cybersicherheit, Datenschutz und Compliance, wo er seit 30 Jahren Unternehmer:innen, Unternehmen und den öffentlichen Sektor berät. In seiner Arbeit befasst er sich auch mit Legal Engineering im Zusammenhang mit der Auswertung großer Datenbanken zur Informationsgewinnung für rechtliche Zwecke. Dabei greift er auf das Fachwissen und das technische Verständnis zurück, das er während seines Studiums der Wirtschaftsinformatik erworben hat. Dies ermöglicht es ihm, eine Brücke zwischen den beiden Welten zu schlagen.
Er ist Herausgeber des USANCEN:Rechtsnews und eines Blogs zum Thema Cybersicherheit sowie des Legal Informatics Newsletters auf LinkedIn. Ferner hält er Vorlesungen zu Legal Tech an der Universität Saarbrücken und zu Insolvenzrecht und Restrukturierung an der Technischen Universität Wien.
Stefan Eder ist zudem Partner der Cybly GmbH, die die LawThek betreibt. Die LawThek ist eine frei zugängliche, mehrsprachige, internationale Rechtsdatenbank in Form eines Wissensgraphen. Ein weiterer Schwerpunkt der Cybly GmbH sind internationale Forschungsprojekte und Anwendungen zu Aspekten des Legal Data Mining und dem Einsatz von KI-Tools in diesem Zusammenhang. Stefan Eder beschäftigt sich außerdem insbesondere mit Aspekten der Automatisierung von Rechtsabläufen.
Als Co-Vorsitzender der IRIS Legal Informatics Conference sowie Initiator und Vorsitzender der Plattform „Research Meets Practice“ – die seit 2018 führenden Forscher:innen aus dem Bereich der Rechtsinformatik jährlich eine Plattform für Präsentationen und den Austausch mit Wissenschaft und Praxis bietet als auch den „Law As Code“-Hackathon organisiert – engagiert sich Stefan Eder für den Brückenschlag zwischen Forschung und Anwendung.